Die in Reykjavík (Island) geborene Geigerin und Bratschistin Judith Ingolfsson wird weltweit für ihre souveräne Musikalität, klangliche Tiefe und stilistische Vielseitigkeit geschätzt. Die New York Times lobte ihr Spiel für die seltene Verbindung aus „Feuerwerk und singendem Ton“. Internationales Aufsehen erregte sie insbesondere mit dem Gewinn der Goldmedaille bei der renommierten International Violin Competition of Indianapolis (1998) sowie Auszeichnungen beim traditionsreichen Premio Paganini in Genua und der Concert Artists Guild Competition in New York. Für ihre herausragenden Verdienste um das französische Musikleben und die Erforschung des französischen Kulturerbes wurde ihr im August 2024 vom französischen Kulturministerium der Titel Chevalier de l’Ordre des Arts et des Lettres verliehen.
Als Solistin konzertierte Judith Ingolfsson mit bedeutenden Klangkörpern, darunter The Philadelphia Orchestra, das National Symphony Orchestra (Washington), das St. Louis Symphony Orchestra, das Royal Chamber Orchestra of Tokyo sowie im Mai 2026 mit der Nationalen Philharmonie der Ukraine in Kyjiw mit Beethovens Violinkonzert. Ihre weltweiten Konzertreisen führten sie auf traditionsreiche Bühnen wie die Carnegie Hall in New York, das Konzerthaus Berlin und das Tokyo Metropolitan Art Space. Eine ebenso intensive Hingabe widmet sie der Kammermusik: Sie gastierte mit Formationen wie dem Avalon, Miami und Vogler Quartett sowie der Chamber Music Society of Lincoln Center Two. Eine besonders enge und langjährige künstlerische Zusammenarbeit verbindet sie mit dem Pianisten Vladimir Stoupel im gemeinsamen Duo Ingolfsson-Stoupel, mit dem sie international konzertiert und gefeierte Aufnahmen vorgelegt hat.
Ihre Ausbildung absolvierte Judith Ingolfsson am Curtis Institute of Music in Philadelphia bei Jascha Brodsky sowie am Cleveland Institute of Music bei David Cerone und Donald Weilerstein. Prägend war zudem die mentorische Begleitung durch Joseph Gingold. Über Brodsky und Gingold steht sie in direkter Linie der traditionsreichen französisch-belgischen Violinschule, die auf Eugène Ysaÿe und Lucien Capet zurückgeht. Diese historische Tradition bildet auch das Zentrum ihrer künstlerischen Forschung. Zu ihren beachteten Forschungsschwerpunkten zählen neben der französisch-belgischen Schule das Rebecca Clarke Project, bei dem sie im Wechselspiel zwischen Violine und Viola das Werk der britischen Komponistin neu beleuchtet, sowie das Erdmann-Schnabel-Projekt. Im Zuge ihrer Recherchen um die historische Geigerin Alma Moodie brachte sie Eduard Erdmanns Solosonate op. 12 wieder auf das Konzertpodium und gilt als einzige Geigerin weltweit, die Artur Schnabels monumentale, 45-minütige Solo-Violinsonate öffentlich aufgeführt und eingespielt hat.
Ihre Diskographie umfasst 14 von der Fachkritik hochgelobte Alben bei Labels wie GENUIN, OehmsClassics, Accentus Music, cpo und audite. Zu ihren preisgekrönten Einspielungen zählen die Gesamtaufnahme der Solosonaten von Eugène Ysaÿe, das dreiteilige Projekt Concert Centenaire (ausgezeichnet mit dem Prädikat Label Centenaire), La Belle Époque (nominiert für den Opus Klassik) sowie Aufnahmen der Solowerke von Erdmann und Schnabel (Supersonic Award des Magazins Pizzicato). Mehrere ihrer Alben wurden für die International Classical Music Awards (ICMA) und den Preis der deutschen Schallplattenkritik nominiert.
Neben ihrer Konzerttätigkeit ist Judith Ingolfsson eine leidenschaftliche und international gefragte Pädagogin. Seit 2019 lehrt sie als Professorin für Violine am Peabody Institute der Johns Hopkins University in Baltimore. Zuvor hatte sie von 2008 bis 2019 eine W3-Professur auf Lebenszeit an der Staatlichen Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Stuttgart inne, wo sie zeitweise auch die Streicherabteilung kommissarisch leitete. Frühere Lehraufträge führten sie an die University of Colorado at Boulder, die Western Michigan University und das Cleveland Institute of Music. Darüber hinaus engagiert sie sich intensiv in der internationalen Nachwuchsförderung, u. a. am schwedischen Nationellt centrum för musiktalanger (YOMA & Polstjärnepriset), der Washington Musical Pathways Initiative sowie bei Sommerakademien wie dem Heifetz International Music Institute, Astona International und Valdres. Zahlreiche ihrer Studierenden spielen heute in renommierten Spitzenorchestern (u. a. Gewandhausorchester Leipzig, Staatsoperette/Staatsorchester Stuttgart, Komische Oper Berlin, Beethoven Orchester Bonn, Stuttgarter Philharmoniker) oder gewannen Preise bei internationalen Wettbewerben.
Als künstlerische Leiterin und Kulturinitiatorin gründete und leitet sie die Last Rose of Summer Academy in Berlin, ist Co-Leiterin des Berliner Festivals The Last Rose of Summer und begründete das Festival & Academy Aigues-Vives en Musiques in Südfrankreich.
Judith Ingolfsson spielt eine Violine von Lorenzo Guadagnini (Piacenza, ca. 1750) sowie eine Viola von Yair Hod Fainas (2015).